gehalten anlässlich des Dankgottesdienstes für das Leben von Königin Elizabeth II., Nikolaikirche Leipzig, 18.09.2022

Die Krönung Ihrer Majestät Königin Elizabeth II. 1953 wurde von euphorischen Kommentatoren als der Anbruch eines neuen Elisabethanischen Zeitalters gesehen. Seit dem achten September wissen wir nicht nur, dass sie mit dieser damals blumigen Beschreibung recht hatten, sondern auch, dass die Dämmerung dieser Epoche angebrochen ist.

Elizabeth II. Alexandra Mary, von Gottes Gnaden Königin des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Nordirland und ihrer anderen Königreiche und Gebiete, Königin von Kanada, Australien, Neuseeland, Jamaika, den Bahamas, Grenada, Papua-Neuguinea, den Solomon-Inseln, Tuvalu, St. Lucia, St. Vincent und den Grenadinen, Belize, Antigua und Barbuda und St. Kitts und Nevis, Oberhaupt des Commonwealth, Verteidigerin des Glaubens und allerhöchster Souverän des Hosenbandordens.

Sie ist so sehr mit Großbritannien verwoben, dass das Reich ohne sie schwer denkbar ist – war es doch die längst Zeit der fast tausendjährigen Monarchie, dass Briefmarken, Geldscheine, Münzen ihr Konterfei zeigten, Briefkästen, Uniformen und Siegel ihr Signum trugen. In ihrem Namen wurde Recht gesprochen, Toasts ausgebracht und beim Pferderennen in Ascot wettete man auf die Farbe ihrer Kleidung.

Der schiere Schock und die Ungläubigkeit, dass jemand, der schon immer da war, den man im Grunde entgegen allen gesunden Menschenverstands für gewissermaßen unsterblich hielt, dann doch stirbt – er ist sogar hier, weit weg von den Inseln, spürbar.

Keiner von uns hier kann behaupten, die Königin gekannt zu haben – ja, die meisten von uns haben sie vermutlich nicht einmal getroffen. Dennoch wissen wir vermeintlich alles über die meistfotografierte Frau der Welt: Wir kennen ihren Spitznamen, ihre ganze Familie und deren Schwächen, ihre Hunde und Paläste, ihre farbenfrohen Kleider, die funkelnden Tiaras und Broschen, den Hersteller ihrer Handtaschen, die Leidenschaft für Wetten und Pferderennen, den Lieblingsdrink, die Macken und Meisen.

Wer sie wirklich war, wissen wir trotz aller Details nicht. Wenig schien durch vom Menschen hinter dem Amt, wenngleich ihr Charakter sich zweifellos in den siebzig Regierungs- und sechsundneunzig Lebensjahren mehr als deutlich ausdrückte. Er spiegelte Eigenschaften, die die Briten sehr gern in sich selbst sahen: uneitel, klaglos, sparsam, intelligent, aber nicht intellektuell, vernünftig, geduldig, bodenständig, schnörkellos, jederzeit kultiviert und mit trockenem Humor.

Never complain. Never explain.

Legt man die Aussagen derer, die sie kannten, derer, die sie nicht kannten, aber liebten und derer, die ihr ablehnend gegenüberstanden, übereinander, so ergibt sich ein klareres Bild:

Martin Charteris, mehr als fünfundzwanzig Jahre ihr Privatsekretär, erzählt über seine erste Begegnung mit ihr: „She was so young, beautiful, dutiful, the most impressive of women. I simply fell in love with her when I met her.“ – „Sie war so jung, wunderschön, pflichtbewusst, die beeindruckendste aller Frauen. Ich habe mich einfach auf den ersten Blick in sie verliebt.“

Sie vereinte Unterschiede in sich, die wir sonst nur schwer nebeneinander aushalten. Ihre eben schon erwähnten Macken und Meisen waren dennoch etwas, worüber niemand je gewagt hätte, sich lustig zu machen. Den Menschen, die nervös auf sie trafen, gab sie ein Gefühl der Ungezwungenheit. Dennoch vergesse man nie auch nur eine Sekunde, so hieß es, dass man sich in Gegenwart der Monarchin befinde. Wer sie einmal traf, vergaß das niemals wieder.

Sie wird mit „I have to be seen to be believed“ – „Ich muss sichtbar sein, damit man an mich glaubt“ – zitiert. Die Sichtbarkeit im wörtlichen Sinne stellte sie durch alle Farben des Regenbogens sicher, aus denen der Inhalt ihres Kleiderschranks bestand. Dies führte dazu, dass sie in späteren Jahren trocken konstatieren musste: „Ich kann kein beige tragen. Niemand würde wissen, wer ich bin.“

Wertebasiert sei sie gewesen, von unerschütterlicher Natur, eisernem Willen, traditionsbewusst, pflichtgetreu. Ihre Prioritäten waren klar: erst kommen das Land und die Krone, dann die Familie, später vielleicht sie selbst. Dieses wurde häufig abfällig als „Korsett“ beschrieben und dabei leicht vergessen, dass ein Korsett auch Dinge in Form, aufrecht und an Ort und Stelle halten kann.

Wir haben eine Zeit, wo sich zeigen wird, ob diese Werte nicht doch moderner sind als gedacht, ob Traditionen, Hingabe an eine große Sache und sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen Dinge sind, die wieder in Mode kommen oder zwangsweise kommen müssen.

Überlegungen, dass sich jeder selbst der Nächste sei und man allein besser klarkomme, erteilte sie einmal unmissverständlich eine Absage:
„Ich zähle Könige und Königinnen von England und von Schottland und Prinzen von Wales zu meinen Vorfahren, also kann ich diese Bestrebungen ohne Weiteres verstehen. Aber ich kann niemals vergessen, dass ich zur Königin des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Nordirland gekrönt wurde.“

Sie betrachtete diese Krönung als etwas Heiliges, als einen direkten Bund zwischen sich und Gott, den eben auch nur Gott habe scheiden können – was er letzten Donnerstag tat. Keine Macht der Welt hätte sie zu einer Abdankung und einem Rentnerdasein bringen können.

Und selbst im Tod zeigte sich ihre bemerkenswerteste Fähigkeit: das Talent, Menschen zusammen- und miteinander ins Gespräch zu bringen. In Bezug auf das Commonwealth formulierte sie es so:
„Eine unserer Lektionen aus der Geschichte ist die, dass wenn Menschen zum Gespräch zusammenkommen, Ideen austauschen und gemeinsame Ziele entwickeln, wundervolle Dinge passieren können.“

Während wir hier Abschied nehmen, stehend zehntausende Menschen in London vor Westminster Hall Schlange, um ihr die letzte Ehre zu erweisen. Beim stundenlangen Warten kommen Menschen von York bis Aberdeen, von Cardiff bis Birmingham, von Kapstadt bis Adelaide in Gespräch. Man teilt Marmeladensandwiches und heißen Tee, macht Selfies, teilt Decken und Tips für die nächstgelegene Toilette und ist in einem großen Gefühl vereint: Dankbarkeit.

Dankbarkeit für ein langes, reiches Leben.
Dankbarkeit für eine lange Regierungszeit.
Dankbarkeit für einen Fixpunkt in einer sich ständig ändernden Zeit.

Ihr Erbe, König Charles III., hat von seiner „Darling Mama“ und seinem nicht minder pflichtbewußten Vater, dem Duke of Edinburgh, alle diese Eigenschaften verinnerlicht. Wir müssen Vertrauen in ihn haben, dass er seine Sache gut machen wird. Auf seine Weise, in einer gänzlich anderen Zeit als 1952. Gott schütze den König.

Im Alter von sechs Jahren teilte Prinzessin Elizabeth ihrem Reitlehrer mit, dass sie einmal eine „country lady with lots of horses and dogs“, also eine Landadelige mit sehr vielen Pferden und Hunden, werden wolle. Dies hätte fast auch geklappt, aber Gott und die Geschichte hatten wohl anderes mit ihr vor.

Ihre Lebensleistung konnte sie zweifelsohne nur aufgrund ihrer herausragenden Position in dem Maß erbringen. Aber – und das ist der wesentliche Teile – sie hätte sie nicht erbringen müssen. Das, was sie gab, ging weit über das hinaus, was vom Souverän erwartet werden konnte.

Wenn sich nun die Regentschaft Ihrer Majestät einreiht in die jener großen Herrscher der Vergangenheit, so ist sicher, dass sie sich in der erlauchten Gegenwart ihrer fast tausendjährigen Ahnenreihe nicht zu schämen braucht.

Elizabeth The Great.

Mit einundzwanzig schwor sie, ihr Leben in den Dienst des Empire zu stellen und bat um Hilfe von Gott und der aller Menschen, ihr Versprechen auch einzulösen. Heute wissen wir: Ihre Bitte wurde erhört.

Mir bleiben nur die unsterblichen Worte von Paddington Bear:
„Thank you, Ma’am.
For everything.“